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Freitag, 03 September 2010
 
 
Deaf Professor Now: Uni Hamburg beruft bundesweit ersten gehörlosen Professor | Drucken |

Seit dem 1. April 2008 hat Christian Rathmann die Professur am Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg inne. Rathmann ist von Geburt an gehörlos. Auch wenn es an philologischen Instituten üblich ist, MuttersprachlerInnen auf Professuren anzutreffen, schien es in Hamburg nicht problematisch zu sein, Leute mit geringen oder mangelhaften Gebärdensprachkenntnissen zum Bewerbungsverfahren zuzulassen.

Frischer Wind am Institut

Christian Rathmann tritt die Nachfolge von Prof. Prillwitz an, dem Gründer des Instituts und als Muttersprachler wird er ganz neue Akzente setzen können. Zudem wird die Universität von seinen internationalen Kontakten profitieren können. Seine Schwerpunkte sind die linguistischen Strukturen und Funktionen, der Spracherwerb und Sprachverwendung sowie Deaf Studies. Dieser Kandidat ist nicht nur Muttersprachler der Deutschen Gebärdensprache (DGS), sondern beherrscht aufgrund seiner Forschungs- und Lehrtätigkeiten in den USA auch die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) sowie die Deutsche und die Englische Schriftsprache. Der hörende Vorgänger hatte schon in den 70er Jahren angefangen, die deutsche Gebärdensprache als eigenständige Sprache zu erforschen und schließlich das Institut gegründet, das er seit 1993 leitete. Als er 2005 in den Ruhestand ging, sahen viele Gehörlose die Chance zur Selbstbestimmung. Hörende haben den Weg frei gemacht, aber weitergehen soll es mit MuttersprachlerInnen.

Erfolg für Gehörlosenbewegung

Die Deaf Professor Now-Bewegung entwickelte sich nach dem Modell der „Deaf President Now“-Bewegung an der Gallaudet University im Jahr 1988. Es ist das bisher wichtigste Jahr in der Geschichte der amerikanischen Gehörlosenbewegung. Damals protestierten Studierende der Gallaudet University eine Woche lang unter dem Slogan „Deaf President Now“.

Die Gallaudet University wurde 1857 gegründet und trägt den Namen des Begründers der Schulbildung für Gehörlose in den Vereinigten Staaten. Nach langen Jahren als College wurde sie 1986 vom US-Kongress zur Universität erklärt. Es ist die erste Hochschule für Gehörlose und Schwerhörige. Ihr gesamtes Programm und alle Leistungen werden angepasst und ein Studium an der Gallaudet ist zwar für Hörende auch möglich, ohne solide Kenntnisse in Amerikanischer Gebärdensprache aber nicht denkbar. Als 1988 der damalige Präsident in Rente ging und ein gehörloser Kandidat nicht angemessen berücksichtigt werden sollte, wurde der Protest intensiviert. Die Studierenden und die komplette Gehörlosengemein schaft wollten ein Zeichen setzen, dass sie nicht von Hörenden bevormundet werden wollen. Sie wollten ihren eigenen gehörlosen Präsidenten haben.
Nachdem die zuerst ernannte hörende Kandidatin zur Präsidentin ernannt worden war, trat sie eine Woche später aufgrund des Widerstands von ihrem Amt zurück und King Jordan wurde der erste gehörlose Präsident in der Geschichte der Einrichtung. Dieser Erfolg hat vieles für die Gehörlosengemeinschaft geändert und gehörlose Kinder können verstärkt mit dem Wissen aufwachsen, dass sie alles erreichen können. Immer mehr Gehörlose greifen zu „höheren“ Berufen. Eine Wende in der unterdrückten / sich befreienden Gehörlosenkultur war geschlagen.

Wachsendes Selbstbewusstsein

In Deutschland wird die Gehörlosengemeinschaft ebenfalls immer selbstbewusster
und auch wenn die ärztliche Wissenschaft die Gehörlosigkeit für eine heilbare Behinderung hält, erfreut sich die Gehörlosenkultur eines gesteigerten Interesses. Das Bundesgleichstellungsgesetz erkennt seit 2002 die Deutsche Gebärdensprache als eigenständige Sprache an, die UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen, die gerade ratifiziert wurde, gesteht den Gehörlosen den Gebrauch ihrer Muttersprache zu und fordert eine bessere Integration.
In Berlin wurde der Studiengang „Deaf Studies“ nach angelsächsischem und amerikanischem Modell konzipiert: Nicht nur die Gebärdensprache wird unterrichtet, sondern die Kultur der Gehörlosengemeinschaft steht im Mittelpunkt dieses neuen Studiengangs. Soziologische, psychologische und kulturelle Aspekte stehen auf dem Lehrplan, damit 80.000 Gehörlose und GebärdensprachlerInnen besser verstanden werden. Nun feiert die ganze Gehörlosengemeinschaft  in Deutschland einen großen Erfolg, nachdem Christian Rathmann seinen Lehrstuhl übernommen hat.

Adeline Duvivier

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Gebärdensprache

Die Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache, mittels derer alles ausgedrückt werden kann. Die Gebärdensprache ist die Muttersprache vieler Gehörloser und die Verständigungssprache von ca. 80 000 Menschen alleine in Deutschland. Gehörlose Kinder haben die Möglichkeit, bilingual aufzuwachsen und sowohl die Gebärdensprache als auch die deutsche Schriftsprache zu erlernen.
Die DGS ist eine eigenständige Sprache mit eigenem Wortschatz und einer eigenen Grammatik. Die wenigsten Gebärden sind ikonisch (abbildend) und ohne Sprachkenntnisse kann man genauso wenig ein Gespräch in DGS mitfolgen wie eines in chinesischer Sprache.
Die Grammatik der deutschen Gebärdensprache unterscheidet sich syntaktisch, morphologisch oder auch semantisch sehr stark von der deutschen Lautsprache, aber auch von weiteren Gebärdensprachen. Die Gebärdensprache ist keine internationale Sprache. Sogar innerhalb des (laut)deutschsprachigen Raums gibt es Unterschiede zwischen der österreichischen Gebärdensprache (ÖGS), der deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) und der deutschen Gebärdensprache (DGS). Innerhalb Deutschlands spielen die Dialekte auf der Ebene des Wortschatzes eine große Rolle und Zahlen oder Farben sind in Frankfurt, Köln oder Berlin ganz andere Gebärden.
Vom 21. bis zum 23. August 2008 finden in Köln die 4. Deutschen Kulturtage der Gehörlosen statt. Neben Workshops zu politischer Arbeit oder zur Geschichte von Gehörlosen (zum Beispiel jüdische Gehörlose im III. Reich) gibt es ein breites Angebot, beispielsweise mit Theater oder Gebärdensprachpoesie.
Weil die Gebärdensprache nicht nur eine Sprache ist, die man benutzt, wenn man nicht hören kann, sondern auch eine Sprache, die eine Kultur trägt und eine Gemeinschaft zusammenschweißt.

 
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